“Der Mensch wird am Du zum Ich”

21.05.2026

Ich habe dieses Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber bereits früher in einem Newsletter erwähnt: 

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“ 

In der letzten Zeit, konnte ich im Kontakt mit Menschen sehr viel Liebe und Unterstützung erfahren und spüren. Aber da war auch etwas ganz anderes: Wut. 

Wirklich viel Wut. Wut, weil andere Menschen und auch ich, meiner Meinung nach, sehr unfair und ungerecht behandelt wurden. Wut, weil ich es zugelassen habe, dass ich so behandelt werde. 

Vieles davon war neue Wut, Wut auf konkrete Personen, Wut auf mich selbst, weil ich wieder und wieder in alte Muster rutsche und meine Grenzen nicht bewahre. Viele alte Wunden, die durch andere Personen aufgedeckt wurden. 

Diese Gefühle waren oftmals nicht schön, manchmal sogar ein wenig überwältigend. Als Kind, Teenager und auch junge Erwachsene konnte ich Wut sehr gut zeigen und ausleben. Oftmals aber nicht in einem Rahmen, der für meine Umwelt ok war, indem ich Dinge zerstört habe oder auch meine Schwester gebissen habe. 

Irgendwann ist diese Wut verschwunden. Ich glaube es ist ganz natürlich, weil ich mein Leben verändert habe, mich vermehrt mit Menschen umgeben habe, die mich nicht wütend gemacht haben und meine Wut einfach gut "herausgelassen" habe. 

Nun war sie wieder da. Und ich wusste nicht mehr so richtig wie ich sie rauslassen sollte. Ich wurde krank. Ich glaube, das war auch eine Art, die Wut herauszulassen. Wut hängt in der traditionellen chinesischen Medizin stark mit dem Magen-Darm Trakt und der Leber zusammen. Genau dort haben sich meine Symptome gezeigt. 

Das Leben allein mit mir selbst ist für mich relativ einfach. 

Wenn ich alleine reise, kann ich meine Bedürfnisse gut spüren. Ich erkenne die Grundbedürfnisse: 

Wann habe ich Hunger? Brauche ich mehr Bewegung und Anstrengung, oder möchte ich lieber rasten und mich ausruhen? 

Meine Intuition wird klarer: 

Auf was habe ich Hunger? Welche Wanderroute möchte ich wählen? Ziehe ich das Meer oder das Inland vor? Irgendwie zieht mich diese Richtung an, und dieses Café wirkt genau richtig. 

Wenn ich nur für mich bin, fühle ich mich meistens ausgeglichen und in Balance. 

Wenn ich auf andere Menschen treffe, wird es komplizierter: 

verschiedene Vorstellungen, Eigenheiten, unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse, andere Kommunikationsstile, andere Gefühle und Emotionen zu unterschiedlichen Zeiten. 

Warum streben wir Menschen eigentlich nicht nach einem Leben als Einzelkämpfer? 

Warum suchen wir Beziehungen und Gemeinschaften, obwohl sie oft so viel Komplexität mit sich bringen?

Dauerhaft glücklich und zufrieden bin ich alleine natürlich auch nicht. Wir Menschen sind soziale Wesen. 

Ich brauche das Gegenüber als Spiegel. Es zeigt mir auf, wo ich mich vielleicht noch weiterentwickeln darf oder möchte. Es offenbart mir, wo ich möglicherweise nicht so tolerant bin, wie ich dachte, und wo Muster und Strategien sichtbar werden, die ich in Bezug auf andere Menschen und Beziehungen anwende. Es zeigt mir auch, wo es vielleicht noch alte Verletzungen gibt, die noch nicht geheilt sind. 

Durch andere Personen wird mir auch klar, was mir wichtig ist und wenn dies verletzt wird, dann werde ich wütend.

Unsere Persönlichkeit formt sich dort, wo wir auf andere treffen. Martin Buber brachte es auf den Punkt: Nur in Beziehung zu einem Du kann sich unser Ich entwickeln. Mit „Du“ meint Buber sowohl unsere Mitmenschen als auch Gott als das „ewige Du“. In diesem Kontext beziehe ich mich jedoch auf unsere Mitmenschen.

Am Du lernen wir uns erst richtig kennen. Es dient als Spiegel für unsere Sehnsüchte und Wünsche sowie für unsere Themen, Trigger und Traumata. Durch das Aufdecken dieser Themen können wir uns weiterentwickeln; wir lernen dazu und entfalten uns. Unser Ich wird bunter und vielseitiger – aber auch mitfühlender. Mitfühlender sowohl mit dem Du als auch mit dem Ich.

In der Beziehung zu anderen werden wir ganz. 

So viele neue Facetten kommen zu unserem Ich hinzu, die wir in Isolation gar nicht entdecken könnten. Natürlich bedeutet dies oft Arbeit: unangenehme Gespräche, unangenehme Emotionen, Diskussionen und Kompromisse sind Teil des Prozesses. 

Auch alte Wunden, die durch Menschen entstanden sind, z.B. in der Kindheit durch Bezugspersonen, können wir nur im Kontakt mit anderen heilen.

Was dabei herauskommt, kann unsere Gefühle intensivieren – sowohl die schönen als auch die weniger angenehmen. Doch selbst bei unangenehmen Gefühlen kann es einen größeren Sinn geben: Wir brauchen die andere Person, um zu verstehen.

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