Reflecting-Team-Methode
28.08.2026Eines der neu entdeckten Tools möchte ich euch vorstellen, die sog. Reflecting-Team-Methode (das reflektierende Team). Du musst es nicht auf arbeitskontext bezogene Themen und Arbeitsteams begrenzen, du kannst diese Methode auch mit deinem Famileinteam oder Team aus Freunden machen. Ihr solltet allerdings zu dritt sein.
Side Note:
Ich habe diese Methode bei einem ADHS Stammtisch kennengelernt. Stell dir mal vor, ein Raum voller neurodivergenter Menschen. Es gab viele "Regeln" und viel Struktur und Hilfestellungen, damit wir uns wohl fühlen und gut miteinander umgehen. Non-verbal und verbal. Verschiedene Farben, mit unterschiedlichen Bedeutungen, Handzeichen, Themensammlungen und und und. Natürlich haben wir uns an das wenigste davon erinnert und doch alles anders gemacht 😂
Mich hat das reflektierende Team an die "Antenna-Listening-Methode" erinnert, wovon ich hier auch schon einmal gesprochen habe und was ich immer mal wieder bei Problemstellungen für mich, aber auch im Kontext mit KlientInnen anwende. Ich werde sie dir in einem separaten Newsletter detaillierter vorstellen.
Stay tuned.
Back to Reflecting-Team-Methode:
Die Methode aus der systemischen Therapie wurde vom norwegischen Psychiater Tom Andersen entwickelt. Die Reflecting-Team-Methode ist eine systemische Methode, bei der nicht primär ein „Ratschlag“ gegeben wird, sondern durch das Hören verschiedener Perspektiven neue Sichtweisen entstehen.
Menschen haben eine ausgeprägte Tendenz, Probleme schnell lösen zu wollen.
Typischer Ablauf:
Problem identifizieren → analysieren → optimieren → Lösung entwickeln → nächstes Problem.
Diese Lösungsorientierung ist in vielen Kontexten funktional. Sie kann jedoch auch dazu führen, dass komplexe oder emotional aufgeladene Situationen vorschnell „bearbeitet“ werden, bevor sie ausreichend verstanden sind.
In der systemischen Therapie und auch bei dieser Methode gibt es daher Ansätze, die weniger auf unmittelbare Problemlösung und stärker auf Perspektivenerweiterung abzielen.
Das Prinzip des reflektierenden Teams ist eigentlich erstaunlich simpel:
Du erzählst.
Die anderen hören zu.
Und dann sprechen sie miteinander über das, was sie gehört haben, während du einfach nur zuhörst.
Wesentlich ist dabei die bewusste Einschränkung klassischer Interaktionsmuster:
❌Keine direkten Ratschläge. “Hast du schon einmal versucht, einfach loszulassen?” 🙃
❌Keine Bewertungen im Sinne von „richtig“ oder „falsch“. “Du musst…”
❌Keine schnellen Lösungsvorschläge. “Also an deiner Stelle würde ich…”
Stattdessen werden Beobachtungen in einer explorativen Sprache formuliert, etwa:
✅„Ich habe mich gefragt, ob …“
✅„Mir ist aufgefallen, dass …“
✅„Bei mir ist hängen geblieben …“
✅„Eine mögliche Perspektive wäre …“
✅„Ich habe das ganz anders wahrgenommen …“
✅„Ich habe das so verstanden, dass …“
Und plötzlich passiert etwas Interessantes:
Du hörst deine eigene Geschichte aus anderen Perspektiven.
Nicht, weil jemand die Wahrheit über dein Leben kennt.
Sondern weil jeder Mensch mit einer anderen Brille zuhört.
Die eine Person hört deine Angst.
Die andere, deine Sehnsucht.
Jemand anderes vielleicht deinen Mut, den du selbst gerade überhaupt nicht bemerkst.
Und plötzlich wird aus einem vermeintlichen „Ich weiß nicht, was ich tun soll“ vielleicht ein:
„Ah. Ich glaube, ich weiß es eigentlich schon.“
Diese Form der Kommunikation dient nicht der Beratung im klassischen Sinne, sondern der Multiperspektivität.
Der zentrale Wirkmechanismus besteht darin, dass die erzählende Person ihre eigene Darstellung durch die Rückmeldungen des Teams erneut hört - jedoch aus unterschiedlichen interpretativen Blickwinkeln. Dadurch kann eine Art kognitive Distanzierung entstehen: Die eigene Perspektive wird nicht ersetzt, aber ergänzt und differenziert.
Dadurch können bislang nicht wahrgenommene Aspekte einer Situation zugänglicher werden. Dazu gehören beispielsweise emotionale Anteile, implizite Annahmen oder alternative Deutungsmöglichkeiten.
Das Ziel ist dabei nicht, eine „richtige“ Lösung zu präsentieren. Vielmehr soll die Person in die Lage versetzt werden, eigene Bedeutungszuweisungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu erweitern.
Denn manchmal brauchen wir nicht noch mehr Antworten.
Manchmal brauchen wir mehr Perspektiven.
Und manchmal brauchen wir einfach Menschen, die uns zuhören, ohne sofort ihre eigene Geschichte über unsere zu legen.
Vielleicht ist das überhaupt eine kleine Kunst:
Nicht immer antworten.
Nicht immer lösen.
Nicht immer wissen.
Sondern zuhören.
Und schauen, was entsteht, wenn ein Gedanke einmal von mehreren Seiten betrachtet werden darf.
Vielleicht braucht es nur einen neuen Blick auf das, was längst da ist.
Damit verschiebt sich der Fokus von „Problemlösung durch Expertenwissen“ hin zu „Erkenntnisgewinn durch strukturierte Mehrperspektivität“.
Und vielleicht findest du so die Lösung, die die ganze Zeit schon da war, nur etwas zugedeckt von all dem Denken.
Probier’s aus und erzähle mir gern, wie es für dich war.

